Aufwachen

Die ersten Tage nach der OP lag ich auf der Überwachungsstation. Frischtransplantierte werden dort zusammen mit anderen frisch Operierten rund um die Uhr überwacht. Ich lag in einem Zimmer mit zwei anderen Patienten und hinter unseren Betten waren jeweils zwanzig Apparate, die verschiedene Medikamente und Infusionen halten konnten und ein Monitor, der die wesentlichen Vitalzeichen anzeigte.

Ich hatte einen Venenzugang am Hals (ZVK) und einen am rechten Arm, eine Blutdruckmanschette, einen Puls- und Sauerstoffmesser am linken Finger, einen Sauerstoffschlauch in der Nase und vier (!) Katheter die irgendwo aus meinem Bauch rauszukommen schienen. Ich wusste nicht genau, was da alles durch meine Venen in meinen Körper floss, aber am deutlichsten konnte ich die Schmerzmittel spüren. Ein eigener Schmerzdienst kam jeden Tag zu mir und stellte diese so ein, dass ich nie mehr als 3 auf einer Schmerzskala von 10 spürte. Entsprechend fit war ich in diesen Tagen. Ich konnte schon aufstehen (mit Hilfe, wegen der vielen Katheter), selbstständig auf Toilette gehen und mich Waschen. Mein Verband am Bauch wurde täglich gewechselt. So konnte ich die riesige J-förmige, neue Narbe auf meinem Bauch sehen und woher die Katheter kamen.

Die Niere arbeitet schon!

Ich hatte also körperlich keine Schmerzen. Ich war so froh über die großartigen Nierenwerte und dass meine Niere sofort gut anfing zu produzieren – bis zu 7 Liter am Tag! Ich gewöhnte mich langsam, aber gerne daran, dass ich nun viel trinken durfte. Ich freute mich über jedes Glas Wasser und jede Tasse Tee, die ich eingeschänkt bekam. Außerdem sah man mir die neue Niere sprichwörtlich an der Nasenspitze an: meine Haut, meine Augen, alles wirkte frischer und das trotz der vielen Medikamente! Ich spürte auch sofort, dass so etwas wie ein grauer Schleier innerlich von mir abgefallen ist, an den ich mich in den letzten Jahren so sehr gewöhnt hatte, dass ich ihn gar nicht mehr wahrnahm. Meine Gedanken, mein Kopf, vieles wirkte klarer und nicht mehr zeitverzögert oder in einem Nebel. Doch bei aller Euphorie, die Zeit auf der Überwachungsstation waren für mich und meinen Körper der reinste Stress 🙁

Stress!

Durch die ganzen Kabel und Schläuche blieb mir nur exakt eine Position, in der ich 24 Stunden verharren musste: auf dem Rücken. Das ist für mich der blanke Horror. Ich dreh mich normalerweise pro Nacht gefühlt zehn Mal um meine eigene Achse, schlafe überhaupt am liebsten seitlich oder auf dem Bauch, doch nichts davon ging. Nach rechts konnte ich mich nicht drehen wegen dem Katheter am Hals und wegen der ganzen Katheter aus dem bauch, die alle zur rechten Seite abflossen. Nach links konnte ich mich nicht drehen, weil soweit die Katheter nicht reichten. Außerdem schlug der Sauerstoffmesser sofort Alarm, sobald ich die linke Hand nicht direkt neben den Körper auf selbe Höhe wie das Herz legte. Und dieser Alarm schlug dann leider nicht nur bei mir, sondern bei allen drei Patienten im Zimmer.

Wenn ich versuchte wenigstens die Beine und Hüfte mal nach links zu drehen, musste ich aufpassen, mir dabei nicht an den Kathetern zu ziehen. Wenn ich es dann endlich schaffte mich in eine zumindest etwas bequeme Position zu begeben, dann hinderte mich das stündlich messende Blutdruckgerät am Schlafen. Oder eine meiner Mitpatientinnen, ein Alarm, die blinkenden Monitore oder ein Pfleger, der irgendwas messen, spülen oder neu verbinden musste, bei mir oder den anderen. Unsere Tür wurde nie geschlossen, damit kein Alarm verpasst werden konnte. Selbstverständlich hörten wir auch die unterschiedlichsten Alarme aus den anderen Zimmern. Ich hatte in den vier Tagen auf dieser Station nicht eine einzige Tiefschlafphase.

Die Nacht fühlte sich an wie der Tag und umgekehrt. Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Meine Schlaflosigkeit und Erschöpfung waren so groß, dass ich eingeschlafen bin, während mein Freund mich besucht hatte, weil genau dann ein kurzes Zeitfenster mit relativer Ruhe entstand. Außerdem probierte ich in meiner Not eine Schlafmaske, Ohrenstöpsel UND Schlafmittel, obwohl mir das noch nie geholfen hatte. Es half natürlich auch hier nicht 🙂

Nur noch ein bisschen Geduld…

So sehr mein Kopf verstand, dass ich zu meiner eigenen Sicherheit überwacht werden musste, so sehr wollte ich auch einfach nur dort weg! Ich hatte so einen Respekt vor den Pflegern, die in diesem Stress mit einer Engelsgeduld gearbeitet haben und immer wieder auf dieselben Bedürfnisse eingegangen sind: Hunger, Durst, Aua, Klo, Aua, müde, Durst, Klo, Aua, Durst.

Ich habe in meiner Zeit in der Klinik Leute kennengelernt, die 3 Wochen auf dieser Überwachungsstation verbringen mussten. Ich weiß nicht wie sie das überlebt haben 😉 Ich jedenfalls war mit meinen vier Tagen schon sehr nah an meiner persönlichen Grenze des Erträglichen und war sehr froh, dass meine Nierenwerte sich so schnell so sehr verbesserten, dass ich endlich in die „normale“ Nierenklinik verlegt werden konnte…