Diese Gedanken aus dem ersten Jahr meiner Dialysezeit habe ich soeben in meinen alten Aufzeichnungen gefunden. Ich wusste weder, dass es sie gibt, noch welche Hoffnungen und Träume ich noch vor zwei Jahren hatte, die so unerreichbar schienen. Sie heute, zwei Jahre später und 8 Wochen nach meiner Transplantation zu lesen, hat mich sehr berührt und mir gleichzeitig gezeigt, dass wir Wünsche und Träume haben dürfen und daran glauben, dass diese auch in Erfüllung gehen können! 

Einfach losschreiben

Ich soll jeden Tag 12,5 Seiten schreiben. Einfach was mir in den Sinn kommt. Dabei wird die Erleuchtung eintreten. Nichts bewerten, alles ist gut.

Ich bin gerührt, dass Claudi und Nike sich mit mir wünschen, dass ich entweder selber meine Niere wiederbekomme, dass ich wieder gesund werde, oder dass ich eine Niere erhalte. In den nächsten zwei Monaten. Mihri ist gerade auf Bali. In ihrem riesigen Garten ist ein wunderschöner Steinbrunnen – ein Wunschbrunnen – und sie hat uns gebeten ihr unsere Wünsche mitzuteilen.

Ich wünsche mir das so sehr. Ich komme einerseits gerade gut klar mit der Dialyse. Andererseits ist der Gedanke, dass ich wieder gesund sein könnte, wieder rund um die Uhr fit sein könnte, so überwältigend. Überwältigend schön! Ich frage mich, ob es außer wünschen und hoffen etwas gibt, was ich tun kann? Kann ich meine Zellen und meinen Körper gesund lieben? Kann ich mit Affirmationen mein System so verändern, dass neue Nierenzellen nachwachsen? Mich macht der Gedanke ohnmächtig. Ich denke, dass ich nicht stark genug dazu bin und genau dieser Gedanke steht dem doch im Weg! Verschwende ich meine Zeit, wenn ich das probiere? Verschwende ich mein Leben wenn nicht? 

Jetzt reicht es schon wieder. Meine Aufmerksamkeitsspanne endet hier. Ich will nicht weiter darüber nachdenken, lieber schnell weg! Wegdenken! Moment, da war ich doch schonmal! Ich war doch schonmal vor mir weggerannt und der Wahrheit. Das ist nicht der Weg, das weiß ich doch jetzt.

Ja ich habe Angst. Manchmal. Ich habe immer noch Angst andere zu bitten mir zu helfen. Es fällt mir schwer meine Mutter um Hilfe zu bitten. Es fällt mir schwer meinen Freund zu bitten. Es fällt mir schwer das Angebot meiner Schwiegermutter anzunehmen. Was, wenn ich ihr nicht gerecht werden kann? So denkt sie aber nicht, das weiß ich. Aber irgendwie ist in mir ein Gefühl. Als ob ich das nicht wert bin. Nicht gut genug bin für so eine Liebe, so ein Geschenk. OK stop, das ist natürlich nicht schön, Anja. Aber ich fühle dieses Gefühl so stark. Ich werde also jetzt mir selber versichern, dass ich gut genug bin. Ich bin Liebe. Ich bin geliebt. Ich bin liebenswert. Ich bin dasselbe Geschöpf Gottes wie meine Schwiegermutter, mein Freund und alle anderen. Ich bin genauso wert geliebt zu werden, wie ich andere liebe. Ich liebe meinen Freund so sehr. Und er ist auch nicht perfekt. Ich liebe meinen Sohn so sehr und selbst er ist nicht perfekt. Und dieselbe Liebe verdiene auch. Eine Liebe, die auch das nicht Perfekte beinhaltet.

Und wieder reicht es. Es ermüdet mich. Ich will weg. Ich will nicht darüber nachdenken, ich will weg. Sitzen zu bleiben und weiterzuschreiben kostet Überwindung. Aber ich habe Hoffnung, ich glaube, dass es mir gut tut weiterzuschreiben. Ich denke an die Wäsche, das mach ich so gern um mich abzulenken. Und ich denke daran, welcher Tag morgen ist. Ich habe heute vergessen, welcher Tag war! Ich dachte es wäre Donnerstag und morgen wird der Müll abgeholt! Dabei ist erst Dienstag. Das ist schon krass. Durch die Dialyse führe ich so komplett unterschiedliche Leben!  

Dienstag, 26. Juli 2016

Ich habe diese Gedanken nicht mit vielen Menschen geteilt. Oft sogar nicht mal mit mir selber. Ich habe versucht stark zu sein, denn weder ich noch meine Freunde und Verwandte konnten was an der Situation ändern. Wie man sieht, hat mich jedoch all die Zeit auch eine gewisse Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit begleitet. Dialyse ist hart und je länger man an ihr ist, desto härter wird es. Deswegen haben dialysepflichtige Menschen einen besonderen Schutz in unserer Gesellschaft verdient. Viele sind Mütter, Väter, Omas, Opas, wertvolle Kollegen und geben ihr Bestes. Alles was wir brauchen sind ein bisschen Hoffnung und Verständnis.