Dass man die neue Niere als Fremdkörper empfindet, was viele Empfänger von postmortalen Spenden berichten, war bei mir keine Sekunde der Fall. Nicht nur fühlte sich die Niere in mir total richtig und „echt“ an, ich war auch vom ersten Moment an in meine neue Narbe verliebt! Ich hatte Angst vor dieser neuen Narbe, denn ich wurde schon mehrmals am Bauch operiert und brauchte immer lange, meinen „neuen“ Bauch annehmen zu können. Das war diesmal anders. Da diese Narbe das Symbol für meinen neuen Lebensabschnitt ist, den ich ja bewusst gewählt hatte, konnte ich sie annehmen und lieben, als hätte ich durch sie ein Kind geboren.

Eine zweite Geburt

Überhaupt erinnerte mich vieles an die Geburt eines Kindes:

  • Wir hatten uns mehrere Monate auf diesen Moment, die „Geburt“, vorbereitet, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, wie genau das Leben danach aussieht.
  • Wir hatten im Vorfeld mehrere Untersuchungen und hofften jedes Mal, dass alles planmäßig verlaufen und gut gehen würde.
  • Die eigentliche „Geburt“ war unglaublich anstrengend, doch es überwog die Freude.
  • Jeden Tag seit der OP sah ich meine neue Niere auf dem Ultraschall-Bildschirm und freute mich darüber so sehr wie damals, als ich meinen noch ungeborenen Sohn im Ultraschall sah.
  • Das erste Jahr nach der „Geburt“ würde das härteste, die Umstellung am krassesten werden, danach würde ich immer mehr Routine gewinnen, bis sich das Leben wieder völlig normalisieren würde.